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Jul 12 2011

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100 Tage in Japan

Ich bin zwar kein totaler Zahlen-Fanatiker, aber da es sich irgendwie allgemein eingebürgert zu haben scheint, jeweils 100 Tage nach einem Wechsel (bspw. einer Wahl oder eben auch einem Umzug) den Blick zurück schweifen zu lassen und das Geschehene zu resümieren, werde ich das hier nun auch mal versuchen. Als mir (mehr oder weniger durch Zufall) vergangene Woche aufgefallen ist, dass ich schon annähernd 100 Tage hier in Japan bin, habe ich mir überlegt, ob das denn die längste Zeit ist, die ich jemals so weit weg von „Zuhause“ war. Und die (für mich) erstaunliche Antwort: Wenn ich München als mein „Zuhause“ betrachte, dann überwiegen hier natürlich die drei Jahre, die ich in Frankfurt/Main gelebt habe. Aber auch wenn es um das „weiter weg“ geht, so war ich schon mal länger weg als diese 100 Tage: Meine Rucksacktour durch Südostasien hat tatsächlich 108 Tage gedauert. (Bei solcherelei Berechnungen helfen übrigens Websites wie diese hier und iPhone Apps wie diese hier.) Aber damals war ich ja nicht ganz so weit weg, und auch nicht mit der Perspektive, dort zu leben…

Nach all‘ dem Schwadronieren hier nun also tatsächlich mein Versuch eines Resümees:

Erstmal: Die Zeit vergeht hier irgendwie schneller – jedenfalls kommt es mir nicht so vor, als ob ich nun schon über ein Vierteljahr auf der Insel bin… Obwohl durchaus eine Menge los war in diesen gut drei Monaten!

Japanische Uni

Zunächst war generell mal die Umstellung von „Arbeiten“ auf „wissenschaftlich Arbeiten“ schwieriger als gedacht. Aber das habe ich inzwischen ganz gut im Griff, und habe mich (wie übrigens auch ganz allgemein) in den universitären Lauf der Dinge reingefunden. Was die Sache aber, und da kommen wir zum eigentlich interessanten und Japan-relevanten Aspekt, noch zusätzlich erschwert hat, war (und ist!) die Art und Weise wie in Japan studiert, gelernt, gelehrt und geforscht wird. Mit anderen Worten: Es geht hier an meinem Institut komplett anders zu, als ich das noch von meiner Zeit an der Uni in München gewohnt war.

Nun ist das für mich nicht ganz so schlimm, weil ich ja Doktorand bin, und damit der Fokus bei mir mehr auf dem Forschen denn auf dem Lernen liegt. Liegen sollte. Dachte ich jedenfalls. Insgesamt habe ich zwar in der Tat erheblich weniger Kurse und dergleichen pro Tag/Woche zu besuchen als die bemitleidenswerten Master-Studenten. Was mich allerdings nach wie vor schier zur Verzweiflung treibt ist die Sucht der Japaner nach Präsentationen. Etwa alle paar Wochen muss hier jeder (jeder!) den aktuellen Fortschritt seiner Arbeit, einen interessanten Artikel oder irgendetwas anderes forschungsbezogenes präsentieren. Das könnte nun zu einer Horde extrem geübter Präsentatoren führen, denen niemand etwas vormachen kann. Könnte! Leider gibt hier (das war anfangs nur ein Verdacht, den ich inzwischen aber durch investigatives Nachfragen erhärten konnte) keinerlei Hilfestellung für die armen Studenten, wie man eine Präsentation aufbaut, gestaltet oder über die Bühne bringt. Mit dem Ergebnis dass 90% der hier gehaltenen Präsentationen sich auf das Ablesen der zuvor niedergeschriebenen „Rede“ (ich weigere mich, solche Vorträge als „Präsentation“ zu bezeichnen) beschränken. Das Ganze dann noch im Flüsterton, weil die Studenten total verunsichert sind, ob der nicht-existenten Hilfestellungen auch kein Wunder. Da mein Japanisch leider bei weitem noch nicht zum Verstehen dieser Vorträge oder der dazugehörigen Handouts (ja, jeder bekommt eine Abschrift der Rede zum Mitlesen) ausreicht, haben sie für mich leider derzeit noch keinen wirklichen Nutzen – aber das wird bestimmt noch! (Siehe unten…) Was mich bei der ganzen Präsentiererei allerdings tatsächlich am meisten stört, ist die schiere Frequenz: Ich komme kaum dazu, mich mal in Ruhe und längere Zeit mit einem Thema oder einer in einem Artikel gefundenen These zu beschäftigen, weil ich alle paar Tage (OK, das ist übertrieben) irgendetwas vorzeigbares produzieren muss. Und das braucht ja auch Zeit… Ich denke, eine gewissen Unzufriedenheit mit dem hiesigen System lässt sich aus meinen Zeilen herauslesen…?

Um nun aber nicht nur zu meckern sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass ich mich hier, sowohl was meinen Professor als auch meine Kommilitonen angeht, sehr wohl und gut aufgehoben fühle. Die soziale Komponente stimmt und kommt dank zahlreicher Partys auch nicht zu kurz. Irgendein Anlass zum wohl organisierten Trinken und Fröhlichsein findet sich immer…

Japanische Sprache

„Kannst du denn inzwischen fließend Japanisch?“ werde ich ab und zu gefragt. Antwort: „Nein, leider noch nicht…“ Aber nach nur drei Monaten hatte ich damit auch nicht gerechnet! Worauf ich allerdings gehofft hatte war, dass mir das alltägliche Leben unter Japanisch sprechenden Japanern in Japan einen massiven Schub nach vorne geben würde. Und, meine Herren – diesen Schub habe ich definitiv verspürt! Es ist ja auch kein Wunder: Wenn man den ganzen Tag von Menschen umgeben ist, mit denen nur in Japanisch zu kommunizieren ist (ja, das war höflich versteckte Kritik an den beklagenswerten Englischkenntnissen der vieler der meisten Japaner), also jede Frage auf Japanisch stellen muss, und sie auch auf Japanisch beantwortet bekommt, die meisten geschriebenen Quellen (und dazu zählt dank einer ausgewachsenen Untertitelungs-Kultur auch das Fernsehen) ausschließlich auf Japanisch geschrieben sind, und so weiter… Was hier schon wieder sehr nach Beschwerde klingt ist es in keinem Fall! Auch in München muss man lange nach englischsprechenden Mitarbeitern im Supermarkt oder Schuhgeschäft oder gar Busfahrern suchen! Und auch in München gibt es englischsprachige Medien nicht an jeder Ecke zu kaufen. Insofern ist die Situation hier exakt so wie daheim – nur mit dem Unterschied, dass hier ich der Ausländer bin, der damit zurechtkommen muss. Aber das habe ich mir ja selbst so ausgesucht, und das wusste ich auch vorher.

Welche Fortschritte habe ich bisher gemacht? Alltagsunterhaltungen (also Smalltalk) sind grammatikalisch kein wirklich großes Problem mehr. Was aber immer wieder nervt ist mein bei weitem nicht ausreichendes Vokabular. Es passiert mir unheimlich oft, dass ich eine an sich recht flüssige Unterhaltung durch blödes Nachfragen „すみません、「XYZ」どう言う意味なんですか?“ („Entschuldigung, was bedeutet ‚XYZ‘?“) unterbrechen muss. Das nervt mich, und das nervt mit Sicherheit auch meine Gesprächspartner – auch wenn die das natürlich nie zugeben würden, und sich in der Regel sehr abmühen (auf Japanisch und Englisch), mir die Bedeutung des Gesagten zu erläutern.

Ebenfalls noch Schwierigkeiten bereitet mir das Beherrschen der unterschiedlichen Höflichkeitsformen im Japanischen. Die kommen nämlich mit teils unterschiedlicher Grammatik und anderem Wortschatz daher. Aber das beunruhigt mich noch nicht so sehr, da damit so ziemlich jeder Nicht-Muttersprachler Probleme hat, und es einem deswegen niemand so richtig übel nimmt, wenn man ihn (quasi) duzt oder ihm zumindestens nicht die ihm gesellschaftspolitisch zustehende Unterwerfung angedeihen lässt. Ich habe für mich persönlich allerdings den Anspruch, diese Unterschiede so gut zu beherrschen, dass ich jeden Japaner in der ihm zustehende Art und Weise ansprechen kann. Kommt noch!

„Kommt noch!“ gilt auch für die Kanji, also die ehemals aus dem Chinesischen übernommenen Schriftzeichen. Für nicht Japano- oder Sinologen (oder beider Sprachen Fremde): Das sind die Zeichen, die so kompliziert aussehen. Kompliziert sind sie auch. Das ist das eine Problem. Das andere Problem: Es gibt unheimlich viele davon. Beides zusammengenommen macht das Erlernen zu einer großen und langwierigen Aufgabe, die viel Geduld und Ausdauer erfordert. Meine persönliche Erfahrung nach 3 Jahren fast komplett ohne Japanisch war, dass man Kanji extrem schnell vergisst, wenn man sich Ihnen nicht regelmäßig aussetzt. Und da zahlt es sich doch wieder einmal aus, in Japan zu sein! Denn hier lauern Kanji allerorten. Kleine, große, bunte, schwarz-weiße, gedruckte, handgeschriebene, einfache, komplizierte, leserliche, unleserliche. Ich habe inzwischen noch ein weiteres Differenzierungsmerkmal eingeführt: Kenne ich – kenne ich nicht. Das macht glaube ich erst ab einem bestimmten Kenntnisstand Sinn, da sonst ca. 0,1% in die erste Gruppe und der Großteil in die zweite Gruppe fiele. Dass ich also so weit gekommen bin, macht mich ein bisschen stolz.
Meine Kanji-Kenntnisse in Zahlen ausgedrückt:

  • Nach Bestehen der Mittelschule, also neun Schuljahren, kennen Japaner gut 2.000 Kanji – die sogenannten 常用漢字 (Jōyō-Kanji)
  • Ich kenne aktuell gut 500 Kanji, also etwa ein Viertel davon
  • 500 Kanji in 100 Tagen macht rein rechnerisch 5 neue Kanji pro Tag
  • Wenn wir davon ausgehen, dass ein japanisches Schuljahr etwa 210 Tage hat (grober Überschlagswert bei 10 Wochen Ferien pro Jahr und 5 Tagen Unterricht pro Woche), dann haben japanische Schüler 1.890 Tage für die 2.000 Kanji, lernen also etwa 1,05 Kanji pro Tag

So gesehen finde ich meinen Fortschritt gar nicht so schlecht! Auch wenn es natürlich noch ein langer Weg ist… Aber, und das sind die guten Nachrichten: Kanji-Lernen macht ab einem gewissen Moment richtig Spass! Und zwar ab dann, wenn die bisweilen wahllos aussehenden Strichfolgen auf einmal einen Sinn ergeben, eine Geschichte erzählen und so ganz nebenbei dabei helfen, sich an sie zu erinnern. Manche Schriftzeichen haben sehr komplexe Bedeutungen, die es zwar nicht leichter machen, sich an sie zu erinnern, die aber diese ganz besondere Dimension in japanische Texte bringt, die jeder Übersetzung ausnahmslos zum Opfer fallen. Klingt abgehoben, aber das erlebt so (hoffentlich!) jeder, der Japanisch lernt früher oder später…

Japanische Japaner

Nun, die japanische Kultur, und damit meine ich nicht die Kultur, die man im Museum sehen kann, sondern die, die man in der Bahn, im Supermarkt oder auf der Straße sehen kann, unterscheidet sich in sehr sehr sehr vielen Punkten von der (mir aufgrund von 30 Jahre währendem Ausgesetztsein) vertrauten westlichen europäischen deutschen. Wahrscheinlich muss ich mal in einem eigenen Artikel detailliert erklären, was ich damit meine – auch hinsichtlich der ausufernden Länge dieses Artikels… Trotzdem möchte ich hier kurz zwei Themen anreissen, die in den ersten 100 Tagen hier immer wieder Thema für mich waren, oder mich zum Nachdenken, Wundern oder in den Wahnsinn getrieben haben.

我慢 (がまん – gaman – Ausdauer, Duldsamkeit)

Dass ich hier den japanischen Begriff anführe hat nichts mit Angeberei zu tun, dass ich dieses japanische Wort mit den unheimlich komplizierten Kanji kenne, sondern eher damit, dass es sich erstens um eine absolut japanische Tugend handelt, die sich deswegen verdient, bei ihrem japanischen Namen genannt zu werden, und zweitens die Übersetzungen jeweils nur einen Teilaspekt dessen widergeben, worum es eigentlich geht.
Meinen ersten Kontakt mit がまん hatte ich kurz nach meiner Ankunft hier, als Japan noch komplett unter dem Einfluss der Geschehnisse vom 11. März (also dem großen Erdbeben, Tsunami und GAU) stand. Im Fernsehen liefen eigentlich tagein-tagaus so gut wie nur Dokumentationen von Reportern oder japanischen TV-Berühmtheiten, die ins Katastrophengebiet gefahren sind, um entweder sich selbst ein Bild zu machen (wozu auch immer), von dort für die Zuschauer zu berichten (schon sinnvoller) oder die Menschen, die dort in unglaublicher Zahl in Notunterkünften untergebracht waren (und teilweise noch immer sind…) zu unterhalten. Was mir damals schon aufgefallen war (noch massiv gejetlagged und mit massiven sprachlichen Schwierigkeiten), war die Unaufgeregtheit der notleidenden Menschen, das Abfinden mit ihrem Schicksal, das Akzeptieren der Dinge die nun mal so sind wie sie sind. Das ist がまん.
Jeden morgen und abend in total überfüllten Zügen zu fahren. Massiv Überstunden zu machen. Einen Job zu machen, der einem keinen Spass macht, dafür aber bei einer guten Firma. Nach einem extrem langen Tag sich noch hemmungslos zu betrinken, weil der Chef eine Party angeordnet angesetzt hat. Das alles ist auch がまん.
Dahinter steckt also (ich hoffe, meine Beispiele konnten das verdeutlichen) ein sehr komplexes Phänomen und Verständnis von dem, was um einen herum passiert. Klar kann man das auch als Duckmäusertum, mangelndes Selbstbewusstsein, fehlende Selbständigkeit oder sonstwie auffassen. Und genau dieses Dilemma führt uns zu dem zweiten Punkt:

Zurückhaltung

Es geht in Japan (wie übrigens auch in vielen anderen asiatischen Kulturen) darum, im Alltag weder das eigene Gesicht zu verlieren, noch den Gegenüber dazu zu bringen, seines zu verlieren. Das Ziel ist also die ultimative Win-Win-Situation. Ich bin kein Ökonom, aber selbst ich weiß, das es so etwas nicht geben kann. Das Zauberwort heißt „Kompromiss“. In Japan ist so ziemlich alles ein Kompromiss.
Aktuelles Beispiel aus meinem Alltag: Eine Kommilitonin fragte mich dieser Tage, ob ich die englische Version ihres Artikels einmal korrekturlesen könnte. Eigentlich eine simple Frage. Aber nicht in Japan! Sie weiß ja ganz genau, dass es für mich Arbeit bedeuten würde, wenn ich dieser Frage zustimme. Also ist sie sich dessen bewusst, dass sie mich mit dieser Frage in meinen Plänen, meiner Zeit, was auch immer, einschränken wird. Dass sie sich dann letzten Endes doch dazu durchgerungen hat, mir die Frage zu stellen, zeigt, dass es ihr wirklich wichtig sein muss. Perspektivenwechsel. Für mich sieht das zunächst mal so aus: Jemand hat dich gerade gefragt, ob du Zeit hast zu helfen. Du hast aber momentan nicht mal genug Zeit für deinen eigenen Kram… Weil ich hilfsbereite Menschen mag, und mich auch selber gerne als solcher gegeben habe, war ich lange Zeit ein Ja-Sager. „Ja“ zu jeder Aufgabe, „ja“ zu jeder Bitte. Das ist auf Dauer extrem anstrengend und bringt einen in Teufels Küche. Das musste ich lernen (neudeutsch: the hard way), als ich anfing zu arbeiten. So habe ich also gelernt „Nein“ zu sagen. Zurück in die Gegenwart. Ich habe also zwei Antwortmöglichkeiten: „Ja“ bedeutet Arbeit für mich und Hilfe für sie. „Nein“ bedeutet ich kann mich meinen eigenen Aufgaben widmen und sie muss sehen, wie sie das hinbekommt. Hier in Japan wäre ein „Nein“ aber ein extremer Affrond. Denn ich weiß ja, wie sehr sie sich dazu durchringen musste, mich zu fragen. Und sie weiß, dass ich das weiß. Und ich weiß, dass sie weiß, dass ich das weiß. Wenn ich sie jetzt abblitzen lassen, verlieren wir also beide unser Gesicht und stehen als unhöfliche Trampel da. Und so bleibt im Prinzip keine andere Wahl als „Ja, klar!“ zu sagen und den eigenen Kram liegen zu lassen – kann ich ja am Wochenende machen…
Was das nun mit Zurückhaltung zu tun hat? Es geht im Wesentlichen nicht um die eigenen Interessen. Es geht darum, dafür zu sorgen, oder jedenfalls mit dazu beizutragen, dass sich alle wohlfühlen. Zurückhaltung der eigenen Bedürfnisse zum Wohle der Gesamtheit. Klingt ein bisschen nach Sozialismus, aber das wird hier ganz unideologisch so praktiziert. Und ich kann nur jedem empfehlen, sich diesem System zu unterwerfen öffnen, der hier auch nur den geringsten Pfifferling erreichen will und nicht ständig als Trampel, Barbar oder 外人 (がいじん – gaijin – Ausländer) herausstechen will.

So, fast zweieinhalbtausend Zeichen (jaja, der Wissenschaftler in mir), und das obwohl ich in selbigen zweieinhalbtausend Zeichen schreibe, dass ich mit meinen Sachen nicht mehr hinterher komme… Mit diesem Widerspruch entlasse ich nun also den geneigten Leser, der es so lange durchgehalten hat, in seinen Tag, und mich in weitere 100+x Tage hier in meiner wundervollen neuen Heimat.

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4 Kommentare

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  1. obi

    Schöne Zusammenfassung, spürt man aber wirklich die „Zurückhaltung“ bei so vielen Situationen und machst dir bei jeder Bitte von jmd. so viele Gedanken drum ?

    Mal ne andere Frage, wie ich raus lesen konnte machst du in Japan die Promotion zum Dr. ? Läuft es dort anders ab als hier in DE ?

    1. Konni

      Vielen Dank!

      Ja, diese Zurückhaltung spürt man hier tatsächlich an allen Ecken und Enden. Darauf basieren eigentlich mehr oder weniger das Zusammenleben und der Umgang miteinander hier in Japan. Und wenn man eben nicht wie ein komplett ungehobelter Klotz rüberkommen will, und den Anspruch hat, über kurz oder lang als halbwegs gleichwertiges Element der Gesellschaft akzeptiert zu werden, dann macht man da auch tunlichst mit.
      Natürlich nimmt es dir kein Japaner so richtig übel, wenn du ihn direkt mit deinen Fragen bombardierst, anstatt beispielsweise höflich vorzuschlagen, ob „man sich denn nicht mal gemeinsam Gedanken um die eine oder andere Sache machen könne“. Aber beste Freunde oder sonstwie in den „Kreis des Vertrauens“ aufgenommen wirst du so sicher nicht. Das erfordert viel Mitdenken und vor allem viel Durchhaltevermögen und Geduld, zahlt sich aber aus. Einem Japaner in Deutschland geht es vermutlich nicht anders, wenn er lernt, sich mit unserer Hau-Ruck-Mentalität und dem dauernden Körperkontakt anzufreunden. Meine Erfahrung ist jedenfalls (und die konnte ich glücklicherweise auch schon vor meinen inzwischen 102 Tagen hier sammeln), dass man sich selbst und seinen unmittelbaren Mitmenschen das Leben einfacher macht, wenn man sich den örtlichen Gepflogenheiten unterwirft anpasst.

      Zu den Unterschieden zwischen deutschen und japanischen Promotionen kann ich dir leider nicht viel erzählen, da ich nur eine Seite kenne: Die Japanische. Was ich aber weiß ist, dass die in Deutschland m.W. recht gängige Praxis, Doktoranden als billiges Lehrpersonal zu missbrauchen (Stichwort „Teaching Assistant“ oder „wissenschaftlicher Mitarbeiter“) hier (noch?) nicht sehr weit verbreitet ist. Und das ist auch gut so, schließlich bliebe sonst (neben den im Artikel angesprochenen unzähligen Präsentationen) gar keine Zeit mehr zum Forschen…

      1. obi

        Danke für die Infos, da weiß ich ja auf was ich besonders achten sollte.

        In welchem „Fach“ machst du deine Promotion wenn ich Fragen darf ? Hab auch ein bissl. Google benutzt und der Unterschied zwischen der in Deutschland und in Japan ist dass man in Japan ebenfalls noch Vorlesungen besuchen muss. Dies hat man hier nicht. Hab mir auch schon ähnliches gedacht weil ich für mein Auslandssemester nach verschiedenen Unis gesucht habe und bei einigen „Doktor Kurse“ ( weiß nicht mehr genau wie sie es genannt hatten ) gesehen habe und es mich schon gewundert hatte.

        1. Konni

          Ich promoviere im Bereich GIS (Geoinfomationssysteme) an der 筑波大学 (つくばだいがく – tsukuba daigaku – Universität Tsukuba). Wenn du weitere Details wissen willst, schick‘ mir doch einfach eine eMail.

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