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Jul 14 2011

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100 Tage in Japan – Teil 2

Hm, da habe ich so einen langen Artikel über meine erste Zeit hier in Japan geschrieben, und beim Durchlesen fällt mir trotzdem noch so viel ein, worüber ich gerne erzählen möchte… Was also tun? Genau wie es sich bei Filmen in den vergangenen Jahren eingebürgert hat, Fortsetzungen (neudeutsch „sequels“) zu produzieren, werde ich hier eben auch einen „Teil 2“ meiner ersten 100 Tage in Japan verfassen. Auch wenn es inzwischen schon 102 Tage sind. Ich hoffe, dass der zweite Teil nicht, wie es leider im Kino oft der Fall ist, nur ein lauwarmer Aufguss des „Originals“ wird.

Situation nach dem 11. März

Gut vier Monate ist es jetzt her, das 東日本大震災 (ひがしにほんだいしんさい – higashi-nihon dai-shinsai – großes Tōhoku-Erdbeben). Aber noch immer sind die Schäden selbst hier im Großraum Tokio sichtbar, noch immer ist nicht alles an Schutt im Tsunamigebiet beseitigt (geschweigedenn wieder aufgebaut!), noch immer leben Menschen (ich weiß gar nicht wie viele es sind, aber auf jeden Fall sehr viele – zu viele) in Notunterkünften, und noch immer ist die Situation im beschädigten Kernkraftwerk Fukushima-1 nicht unter Kontrolle. Ja hat sich denn gar nichts getan in den vier Monaten? Doch, hat es. Sogar eine ganze Menge. Nur (siehe meinen letzten Artikel) wird hier in Japan beispielsweise ein Atomausstieg nicht „mal eben so schnell“ zum Gesetz. Und das hat mehrere Gründe:

Zunächst mal gibt es in Japan keine Anti-Atom-Bewegung vergleichbar mit der in Deutschland in jedweder Form. Wo sich in Deutschland über 20, 30 Jahre eine Lobby gegen Atomkraft herausgebildet hat, die es sogar zum Entstehen einer politischen Partei, später sogar Regierungspartei geschafft hat, gab es in Japan nie einen Grund, über Probleme mit und Alternativen zur Atomkraft öffentlich zu sprechen oder gar zu streiten.

Rein energetisch gibt es für Japan und seinen enormen Energiehunger aktuell und auf kurze Sicht auch gar keine reale Alternative zur Atomkraft:

  • Kohle hat Japan (ebenso wie so ziemlich jeden anderen Bodenschatz) nicht, diese müsste also importiert werden. Beispielsweise aus China. Und das will natürlich niemand. Erstens ist es allgemein keine gute Idee, die Leistungsfähigkeit der eigenen Wirtschaft vom Wohlwollen einer anderen Wirtschaftsmacht abhängig zu machen – zumal gleich nebenan und im direkten Wettbewerb. Und zweitens: Aus China sowieso nicht! Wie hat es ein anderer deutscher Blogger neulich mal recht provokativ ausgedrückt: „China ist das Polen Japans.“
  • Im Bereich der erneuerbaren Energien (Wer erneuert die eigentlich? Müssten sie nicht passender „selbst-erneuernde Energien“ heißen?) gilt das Gleiche wie für Deutschland (und überall sonst auf der Welt): Leider sind wir noch nicht so weit, auf 100% Solar, Wind & Co. umzusteigen. Das wurde erfolgreich verhindert, denn auch in Japan gibt es…
  • … eine extrem starke Atomenergie-Lobby, gepaart mit einem Fast-Monopol von TEPCO, jedenfalls was die Kantō-Region angeht. Genau wie Deutschland haben sich Energiekonzerne auch Japan untereinander aufgeteilt.
  • Nicht zuletzt dürfte es aber auch in großen Teilen an der mangelnden Unterstützung einer nun zwar endlich erwachenden, aber noch sehr jungen, leisen und daher eher unbedeutenden Anti-Atom-Bewegung mangeln. Gerade vergangene Woche kam ich rein durch Zufall (Wirklich! Auch wenn ich schon lange mal vorhatte, dort hin zu gehen…) an der TEPCO-Zentrale in Tokio vorbei. Aufgefallen ist mir dieser Umstand auch nur, weil unheimlich viel Polizei (was in dem Viertel aufgrund zahlreicher Ministerien u.ä. aber nichts besonderes ist) und Autos von Fernsehteams vor Ort waren. Und was soll ich sagen, die „Demo“ dort bestand aus ein paar Demonstranten und noch ein paar Zuschauern… Leider scheint das tatsächlich der ganze Widerstand, der seit der Aufregung nach den Vorkommnissen in Fukushima-1 übrig geblieben zu sein.

節電 (せつでん – setsuden – Stromsparen)

Die Situation im Kernkraftwerk bedingt natürlich, wie vermutlich jeder weiß (oder mal wusste, als das das Thema auch außerhalb Japans „interessant“ und berichtenswert war…) eine ziemlich angespannte Energiesituation für den Osten Japans. Und deswegen muss natürlich jetzt extrem Strom gespart werden!

Das geht los im öffentlichen Raum, beispielsweise in Form von ausgeschalteten Rolltreppen, nur halber Beleuchtung in Geschäften und Bahnhöfen. Dann gibt es verschiedene Bestrebungen, durch Veränderungen in der Arbeitszeit etwas zu bewirken. So wird beispielsweise in viele Firmen das Wochenende von Sa+So auf zwei andere Wochentage verlegt, um so den Energieverbrauch besser auf die Woche zu verteilen. Oder die Arbeitszeiten werden gestaffelt, ebenfalls zur besseren Lastversteilung. Da es hier (wie ich schonmal anmerkte) in Japan keine Sommerzeit gibt, wird es morgens extrem früh hell, und abends entsprechend früh dunkel. Das veranlasst derzeit viele Firmen dazu, den Dienstbeginn generell nach vorne zu verlegen, um sich so die abends nötige Beleuchtung in den Büros oder Werkshallen zu sparen. Ebenfalls gängige Praxis ist es, während der fix vorgeschriebenen Mittagspause das wenige noch vorhandene Licht komplett abzudrehen – denn produktiv sollen die fleißigen Arbeitsbienen in dieser Zeit ja eh nicht sein. (Ja, Ironie)

Aber auch privat daheim soll natürlich Energie gespart werden. Und drum gibt es derzeit ein Überangebot an Informationssendungen und Broschüren zu diesem Thema. Hier mal einige der dort vorgeschlagenen Tipps zum Energiesparen:

  • Es geht los mit Alltagstipps, die offenbar für einige Leute immer noch Neuland sind, wie Licht ausschalten, wenn der letzte den Raum verlässt.
  • Oder Fernseher und Computer komplett ausschalten, nicht im Standby laufen lassen.
  • Dann wird es aber schon spezifischer, wenn beispielsweise empfohlen wird, beim Fernseher (hier 99% Flachbildschirme) die generelle Helligkeit und insbesondere die Hintergrundbeleuchtung so weit wie möglich herunter zu fahren. Glaubt man den Modellrechnungen in besagten Magazinen kann das eine Ersparnis von mehreren 10% einbringen.
  • Auch interessant: Eine saubere Mikrowelle verbraucht weniger Strom als eine, in der sich zig Essensreste tummeln. Darüber habe ich noch nie nachgedacht, aber das macht Sinn – schließlich unterscheidet die Mikrowelle nicht zwischen „Essbares in der Tupperdose“ und „eingetrockneter Soßenrest von vor vier Wochen“, sondern versucht alles nach bestem Wissen und Gewissen in Schwingung zu versetzen und ergo aufzuwärmen. Und wenn die Hälfte der Leistung für die eingetrockneten Soßenreste von vor vier Wochen drauf geht, dann muss die Mahlzeit in der Tupperdose eben auch doppelt so lange bestrahlt werden, bis sie die gewünschte Temperatur erreicht.
  • Zum Thema エアコン (えあこん – eakon – Klimaanlage, von engl. aircon) gilt natürlich prinzipiell erstmal: Nicht. Anschalten! Wenn’s denn aber nun gar nicht mehr ohne geht, und da bekenne ich mich auch schuldig in mehreren Punkten der Anklage, dann solle man sie doch wenigstens auf maximal 28°C einstellen. Interessant auch der Hinweis, die gekühlte Luft noch zusätzlich mit einem Venitlator (dem grundsätzlich aufgrund des geringeren Verbrauchs ohnehin der Vorzug zu geben ist) im Raum zu verteilen oder in Richtung des Leidenden zu blasen. Auch neu für mich: Der Wärmetauscher (also die Kiste, die außen am Gebäude hängt oder auf dem Balkon steht) vor direkter Sonneneinstrahlung zu schützen steigert wohl den Effizienzgrad und senkt damit den Energieverbrauch der Klimaanlage. Diese Tipps helfen natürlich alle nicht, wenn es immer noch Idioten gibt, die bei laufender Klimaanlage das Fenster offen lassen…

Ein großer Aspekt in diesem Themenbereich ist auch クール・ビズ (くうるびず – kūru bizu – „cool biz“), also das Tragen von kühlender oder jedenfalls nicht unnötig einengener Kleidung. Zu letzterer Kategorie gehören beispielsweise Anzugjacken und Krawatten. Beides ist im Rahmen von cool biz entbehrlich. „Im Rahmen von cool biz“ bedeutet, dass jede Firma im Einzelnen entscheidet, ob sie ihren Mitarbeitern dieses Tragen von legererer Kleidung im Büro erlaubt oder nicht. Quasi so wie der casual friday. Ich persönlich kenne in meinem Umfeld keine Firma, die es nicht macht, und auch auf der Straße sieht man inzwischen kaum noch Menschen in kompletten Anzügen, oder wenn dann zumindestens ohne Krawatte und das Jackett über den Arm gehängt – was gleichzeitig die nun ebenfalls zugelassenen kurzärmeligen Hemden offenbart. Ich lobe mir die Tatsache, Student zu sein, und mich im Prinzip kleiden zu dürfen, wie ich will. (Im Rahmen dessen was meine Frau erlaubt…)

In den Nachrichten wird derzeit auch immer der aktuelle Energie-Verbrauch sowie die Auslastung der verfügbaren Kapazitäten gemeldet.


Persönlich finde ich es nicht unbedingt beruhigend zu wissen, dass sich Tokio derzeit jeden Tag bei ca. 90% Auslastung befindet – also relativ knapp an dem Punkt, wo die verfügbare Energie nicht mehr ausreicht. Was passiert dann? Plötzlicher Blackout? Prophylaktische Regulierung und nur partielle Stromausfälle? Dann in der Kürze der Zeit aber trotzdem unangemeldet und damit für die Betroffenen sehr unangenehm… Na wir werden sehen. Ich finde es jedenfalls beachtlich, wie diszipliniert hier (fast) jeder mithilft, Strom zu sparen und den Verbrauch so niedrig wie möglich zu halten.

Zwei Anekdoten dazu:

  • Ein paar Luxusläden halten es natürlich nicht für nötig, den Verbrauch zu reduzieren, und blasen fröhlich und frech die runtergekühlte Luft aus ihren Geschäften durch sperrangelweit geöffnete Türen nach draußen… (Artikel im Economist – mit Einkaufs- und Boykott-Empfehlungen…)
  • Vor kurzem gab es einen Aufruf in den Medien, dass speziell die Alten beim Energiesparen vorsichtig sein sollten. Sie waren es nämlich, die am fleißigsten Energie sparen wollten – mit dem Ergebnis, dass viele mit Kreislaufkollaps oder Hitzschlag ins Krankenhaus mussten … oder Schlimmeres. (leider keine Quelle)

Auch meine Uni will natürlich Strom sparen. Und so wurde beispielsweise verfügt, dass in der Zeit von 1. bis 11. September keinerlei Aktivitäten auf dem Campus stattfinden dürfen:

公 示

全 学 学 生

夏期の電力需給対策に伴う学群・大学院授業の臨時休講について

東日本大震災の影響による今夏の電力不足への対応のため、下記のとおり臨時休講とします。
なお、卒業研究や論文作成にかかわる実験など、学生の修学上極めて重要な授業時間の確保及び集中授業の実施等により、やむを得ず授業を実施する場合がありますので、掲示や授業担当教員の指示に従ってください。

平成23年 9月 1日(木)~ 9月11日(日)
(備考)ただし、東京キャンパスの授業は除く。

平成23年 5月26日

筑 波 大 学 長
山  田  信  博

Oder auf Englisch:

NOTICE

To All Students:

Class Cancellation Due to Summer Energy-Saving Measures
Undergraduate and Graduate School at University of Tsukuba

For the summer energy-saving measures due to the Great East Japan Earthquake, all classes will be cancelled during the period as stated below.
Only in the case that the University will be obliged to hold the classes to ensure the academically crucial amount of time for experiments involved in graduate research or thesis, and to implement intensive courses, etc. please follow the official announcements and teacher instructions afterward.

Statement

Class Cancellation Period:
Thursday, September 1, 2011
to
Sunday, September 11, 2011

Note:
The classes at the Tokyo Campus will be excluded.

May 26, 2011
Nobuhiro YAMADA
President
University of Tsukuba

Die Uni macht einfach fast zwei Wochen komplett zu! Ausnahmen kann man sich natürlich beim Dekan genehmigen lassen… Zudem wurde eine interessante Seite ins Intranet gestellt (leider nicht öffentlich zugänglich), auf der der Energieverbrauch jedes einzelnen Gebäudes auf dem Campus (und das sind viele!) detailliert und Tag für Tag einzusehen ist. Hier beispielsweise der Graph meines Gebäudes von gestern:

Als diese Überwachung (im ganz positiven Sinne) eingeführt wurde, kam auch jeden Tag eine eMail an alle Studenten, dass „das Quota von soundsovielen KWh gestern um soundsoviele KWh überschritten wurde“, verbunden mit weiteren Energiespartipps:

本日も午後一杯、
1、電気ポットを切る、
2、各階でリフレッシュの冷蔵庫は1台を除いて切る、
3、セミナー室、院生室等の電気は消すか半分にする、
4、電気容量の大きい機器の使用を控える、
5、クーラーの使用をできるだけ控える、
を徹底して下さい。

Also: Wasserkocher ausstöpseln, nur noch ein Kühlschrank pro Stockwerk darf laufen, halbe Beleuchtung in allen Seminar- und Studienräumen, Großverbraucher nur nutzen wenn unbedingt nötig, Klimaanlage nur anschalten wenn unbedingt nötig. Der vorletzte Punkt ist insofern interessant, als in unserem Gebäude auch die Meteorologen sitzen, deren kräftigen Rechner (in meines Erachtens komplett ungeeigneter Umgebung…) rund um die Uhr Klimamodelle rechnen…

Nun ja, wie dem auch sei: Bisher ist die große Katastrophe ausgeblieben, und so wie ich Japan und die Japaner bisher erlebt habe, werden „wir“ alle gemeinsam das schon schaukeln! Eine Frage schoss mir allerdings neulich durch den Kopf (und damit schließt sich auch – endlich! – der thematische Kreis dieses Artikels), wie denn das eigentlich in der Kraftwerksruine derzeit aussieht?! Wir erinnern uns: Das größte Problem dort war eine effektive Kühlung der außer Kontrolle geratenen Reaktoren und Abklingbecken. Nun ächzt ganz Japan unter einer wohl schon ganz leicht außergewöhnlichen Hitze … und aus Fukushima hört man nichts Neues. Besorgniserregend! Aber lieber nicht drüber nachdenken…

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