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Jun 19 2011

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Exkursion ins Katastrophengebiet

Im Rahmen meiner Tätigkeit als Doktorand habe ich Anfang Juni an einer einwöchigen Exkursion (jap. 巡検, じゅんけん, jun-ken – wörtlich: herumfahren – Inspektion) nach Hitachi (jap. 日立市) im Norden der Präfektur Ibaraki (jap. 茨城県) teilgenommen.

Es gab kein spezielles Thema, sondern mein Institut reist jedes Jahr in eine andere Stadt in Ibaraki, also der Präfektur, in der sich auch die Uni befindet, und untersucht dort unterschiedlichste geographisch relevante Themen. Da Hitachi ein bedeutender Industriestandort ist (ich denke mal, die Marke „Hitachi“ dürfte so ziemlich jedermann ein Begriff sein), gab es eine Gruppe, die sich mit der industriegeschichtlichen Vergangenheit der Stadt und der Region beschäftigt hat. Der Konzern Hitachi hat übrigens seinen Ursprung als Hersteller von Motoren und anderem technischen Zubehör, das Anfang des 20. Jahrhunderts in der nahegelegnen Hitachi-Mine (jap. 日立鉱山) gebraucht wurde. So hat sich im Laufe der Zeit der heute bekannte Industrie- und Elektronikkonzern entwickelt. Das wusste ich vorher auch noch nicht…

Da Hitachi mit dem Ibaraki-Hafen (jap. 茨城港, いばらきこう, ibaraki-kō) über einen sehr großen und wichtigen Insudtriehafen verfügt, gab es natürlich auch eine Gruppe, die sich damit beschäftigt hat. Ebenso interessante Themen waren die Landwirtschaft der Region, der Tourismus (im Kamine-Zoo von Hitachi (jap. かみね動物園, かみねどうぶつえん, kamine-dōbutsu-en) gab es Mitte März Nachwuchs bei den Löwen (Link leider nur auf Japanisch oder hanebüchen maschinenübersetzt) – damit hat es der Zoo sogar in die nationalen Nachrichten geschafft!) und die kommerzielle Entwicklung: Hitachi hat drei Einkaufsstraßen, und alle sind mehr oder weniger verwaist, sowohl was Geschäfte als auch Publikum angeht – absolut trostlos. Letztere Situation hat mich sehr an die Innenstädte verschiedener deutscher Ruhrgebiets-Städte erinnert, wo ja auch hinsichtlich der bergbaulichen Vergangenheit und Schwerindustrie-fokussierten Entwicklung Parallelen zu finden sind.

Nach dem schweren Edrbeben und Tsunami am 11. März, von dem auch die Region um Hitachi betroffen war, wurde noch eine weitere Themengruppe ins Leben gerufen, die sich mit der Kartierung der entstandenen Schäden (neudeutsch „hazard mapping“) und einer Untersuchung des Verhaltens der Einwohner beschäftigen sollte. Und dieser Gruppe habe ich mich dann angeschlossen. Über die wissenschaftlichen Ergebnisse und Erkenntnisse, die wir dort gewinnen konnten, werde ich zu gegebener Zeit mal berichten. Die Auswertung der Daten ist noch in vollem Gange. Außerdem planen wir eine Veröffentlichung der Ergebnisse in verschiedenen Publikationen, also kann und möchte ich das hier nicht vorwegnehmen…

Wovon ich allerdings erzählen kann sind meine Eindrücke, die ich in der Woche dort sammeln konnte. Hitachi wurde nicht nur von dem Erdbeben, sondern aufgrund seiner Küstenlage (die Stadt schlängelt sich über knapp 30km in einem schmalen Streifen zwischen den Bergen im Westen und dem Pazifik im Osten) auch von dem Tsunami betroffen. Letzterer hatte hier zwar „nur“ eine Höhe von etwa 1,30m, aber auch das hat für mächtige Zerstörung gereicht. Ich habe zu diesem Artikel hier auch ein Vlog gemacht, der zeigt, was wir dort in Hitachi vorgefunden haben. Im Rahmen unserer Interviews hatten wir auch die Gelegenheit, ein Haus zu besuchen, das unmittelbar am Strand steht, und voll vom Tsunami getroffen und schwer zerstört wurde.

Bezüglich meiner ganz persönlichen Eindrücke kann ich sagen, dass diese Exkursion auf jeden Fall höchst-interessant und informativ war. Ich war vorher noch nie in einem Katastrophengebiet, höchstens mal in ehemaligem Kriegsgebieten wie der demilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südvietnam und verschiedenen Orten in Kambodscha. Noch nie aber war ich an einem Ort, an dem die Folgen des dort geschehenen noch so unmittelbar sichtbar und erkennbar waren. Nun muss man natürlich schon erwähnen, dass wir gut zweieinhalb Monate nach dem Erdbeben und Tsunami dort waren, und dass deswegen selbstverständlich schon vieles aufgeräumt und repariert war. Erstaunlich vieles sogar! Umso mehr beweisen die immernoch klaffenden Lücken und herumliegender Schutt, wie hart Hitachi doch getroffen wurde. Das macht es für mich noch unvorstellbarer, was in den noch viel unmittelbarer getroffenen Gebieten weiter im Norden vor sich gegangen sein muss. Das zu sehen, zu verstehen, und auch unmittelbar von den Betroffenen ihre ganz persönliche Geschichte zu hören war eine sehr interessante und auch sehr bereichernde Erfahrung. Manche Erzählungen über die Verhältnisse in den Notunterkünften (jap. 避難所, ひなんじょ, hinan-jo) aus den ersten Tagen nach der Katastrophe haben mich doch sehr bewegt…

Während der widerlich sensationslüsterne Katastrophentourist in mir, der mit katastrophalen Bildern und Eindrücken wie im Fernsehen gerechnet hatte, also ein stückweit enttäuscht wurde, weil die Zerstörung hinsichtlich der Bausubstanz doch im Allgemeinen recht gering war, so ist doch der informierte und involvierte Betrachter in mir jetzt sehr froh, dass Hitachi und die Menschen dort so viel Glück hatten, und beispielsweise kein einziges Todesopfer zu beklagen war. Ihnen gilt auch meine ganze Bewunderung für die Art und Weise, wie sie mit der Katastrophe und ihren Folgen umgehen und leben, und dafür, dass sie Ihre Erfahrungen mit uns geteilt haben – was mit Sicherheit nicht leicht war.

Die Titelmusik meines Video-Blogs ist von Erik Skiff und heißt „Chibi Ninja“ (Informationen zum Künstler). Sie steht unter Creative Commons BY 3.0.

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