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Jul 24 2011

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Wanninger-san

Ich weiß nicht, inwieweit der Buchbinder Wanninger außerhalb Münchens bekannt ist. Für alle Südschweden: Der Buchbinder Wanninger ist eine Figur des Münchner Humoristen Karl Valentin (mit „F“, wie in „fallen“, nicht mit „w“ wie am – nicht nach ihm benannten – Tag im Februar!), die verzweifelt versucht, telefonisch eine – eigentlich recht triviale – Auskunft zu bekommen, aber nur ständig von einer nicht zuständigen Person zur nächsten, natürlich ebenfalls nicht zuständigen Person weiter verbunden wird.

Ähnlich erging es uns gestern, als wir versuchten in Erfahrung zu bringen, warum unser neuer 光 (ひかり – hikari – Lichtstrahl) 100Mbps Glasfaser-Internetzugang nicht funktioniert.

Erster Versuch (bereits am Donnerstag-Abend) bei der Kunden-Hotline des Providers. Abends deswegen, weil mein Japanisch noch nicht Internetprovider-verhandlungssicher ist und meine Frau arbeitsbedingt nur abends Zeit hat. Dort wurde uns dann gesagt, dass wir dafür doch bitte die Technik-Hotline anrufen mögen, da man uns hier nicht weiterhelfen könne. Die machen aber schon um 18h dicht. Also warten bis zum Wochenende.

Zweiter Versuch am Samstagvormittag bei besagter Technik-Hotline. Dort haben wir unser Problem geschildert. Nunja, man dankte höflichst für den Anruf und verwies uns an die Kunden-Hotline – die würden sich um sowas kümmern. Moment mal – die haben uns doch an euch weiter verwiesen?! Achso, nun in dem Falle sollten wir doch mal bei der Installations-Hotline anrufen. Klingt gut! Frage mich allerdings, warum a) auf keiner der papiernen Installationsanweisungen ein Hinweis auf diese Installations-Hotline zu finden ist (könnte ja nützlich sein), und b) uns die Dame am Donnerstagabend nicht gleich an selbige Hotline verwiesen hat – die wäre zu der Zeit sogar noch besetzt gewesen…

Dritter Anlauf: die Installations-Hotline. Eine sichtlich bemühte Mitarbeiterin leitet uns durch den Prozess, der so 1:1 auch auf den zuvor erwähnten Installationsanweisungen aufgezeigt wird. Natürlich ist auch dieser Versuch nicht von Erfolg gekrönt – genau wie meine anderen davor… Darauf hingewiesen vertröstet sie uns auf einen bald erfolgenden Anruf des Mac-Experten. Richtig, ich verwende einen Mac. Aber zu dem Zeitpunkt spielte das noch überhaupt keine Rolle, weil uns bereits das VDSL-Modem alleine durch eindeutige Blinkzeichen zu verstehen gab, dass es keine Verbindung aufbauen konnte.

Nach etwa eineinhalb Stunden erfolgt der versprochene Anruf des Mac-Experten. Er führt uns nocheinmal durch den bereits hinlänglich bekannten Prozess. Nur diesmal wahrscheinlich ohne Ablesen der Routine auf seinem Call-Center-Bildschirm – ist ja Experte! Die Ironie verrät’s: Zu dem Zeitpunkt war ich schon ein bisschen angefressen. Zumal wir andere Pläne für die Gestaltung unseres Samstags hatten. Er konnte uns letzten Endes also auch nicht weiterhelfen. Was aber auch daran gelegen haben mag, dass er prinzipiell nur Probleme mit der Software oder der Benutzung selbiger beheben kann. Meiner (nicht-Experten) Meinung nach lag das Problem aber eher an der Hardware, in Form einer noch nicht freigegebenen Leitung seitens NTT. NTT ist sowas wie die japanische Deutsche Telekom, also der (hier ebenfalls monopolistische) Netzeigentümer und -betreiber. Nun kam man endlich auch am anderen Ende der Leitung auf die Idee, doch mal bei NTT nachzufragen, ob denn aus deren Sicht die Verbindung klappt beziehungsweise klappen müsste. Wir würden bald von NTT zurückgerufen.

Wiederum einige Zeit später der versprochene Anruf von NTT東日本 (ひがしにほん – higashi nihon – Ost-Japan). Jaa, man müsse da wohl mal einen Techniker vorbeischicken, da es dort vor Ort ein Problem mit der Verkabelung (oder so) zu geben scheint. Stiller Applaus meinerseits. Wann wir denn Zeit hätten, um einen Techniker zu empfangen. Am besten heute noch! In Ordnung, ein Techniker werde heute noch bis etwa acht Uhr vorbeikommen und sich des Problems annehmen. Gut, damit war auch die letzte Hoffnung dahin, wenigstens den Spätnachmittag noch mit etwas sinnvollerem zu verbringen, als auf Techniker zu warten.

Der Buchbinder Wanninger konnte es nicht treffender formulieren: „Saubande, dreckade!“

Wie erbeten hat sich der Techniker ca. 30 Minuten vor seinem Auftauchen telefonisch angemeldet. Und das schon nach etwa nur einer Stunde nach dem Gespräch mit der NTT-Hotline! Der gute Mann war dann auch extrem nett und professionell, hat kurz bei uns in der Wohnung etwas durchgemessen, um dann zu verschwinden. Wohin oder um was zu tun hat er nicht verraten. Naja, er war dann eine gute halbe Stunde verschollen, bis er wieder lächelnd vor der Tür stand. Dann noch einmal in der Wohnung durchgemessen und siehe da – es funktionierte! Da ich alles so weit vorbereitet hatte, wollte ich noch einen Einwahlversuch mit unseren Original-Providerdaten wagen, solange der Profi noch da ist. Das hat aber einwandfrei funktioniert, und so konnten wir den guten Mann in seinen wohl auch wohlverdienten Feierabend schicken. Da hätte ich mir mal wieder gewünscht, hier in Japan auch Trinkgeld geben zu dürfen…

Fazit der Geschichte: Einen neuen Internetanschluss zu bekommen oder (noch schlimmer) einen bestehenden umzuwandeln ist anscheinend überall auf der Welt ein Abenteuer das mit Kopfschmerzen und Aggression nicht unter drei Tage einher geht. Die offensichtliche Inkompetenz der beteiligten japanischen Firmen wurde aber immerhin durch absolute Höflichkeit und Einhalten jeglicher gemachter Versprechen erträglicher gemacht. Ich erinnere mich noch an viele recht aggressiv geführte Verhandlungen (auch von meiner Seite) mit ähnlichen Gesprächspartnern in Deutschland… Dank des Engels im NTT-Strampler haben wir jetzt unser 100Mbps Glasfaser-Internet und ich bin glücklich.

Nunja, einen Schönheitsfehler hatte die ganze Geschichte noch. Zuvor hatten wir normales ADSL mit einem WLAN-Router-Modem genutzt. Dieses Modem war nun natürlich unbrauchbar und muss (da Leihgerät) an den Provider zurückgeschickt werden. Das neue VDSL-Modem ist nun aber ein reines Modem, also ohne Router und – und das ist viel schlimmer – ohne WLAN!

Also bin ich heute losgestiefelt zu meinem Lieblings-Elektronikriesen in Akihabara, um einen 無線LANルーター (むせんLANるうたあ – mu-sen LAN rūtā – WLAN-Router) zu kaufen. Zugegeben, es war nicht einfach, dem – durchaus ambitionierten – Mitarbeiter meine Lage zu erklären, und in Erfahrung zu bringen, ob dieses Modell denn nun auch eigenständige PPPoE-Verbindungen aufbauen könne oder nicht. Aber gemeinsam haben wir es geschafft, das für mich passende Gerät zu finden. Kostenpunkt ¥4.440 (also derzeit etwa €39,17) – durchaus OK. Und dank meines Punkteguthabens bekam ich nochmal ¥1.000 Rabatt, also fast ein Viertel.

Und jetzt bin ich glücklich und surfe fortan drahtlos mit nominell 100Mbps durchs Netz.

Happy End

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