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Aug 01 2011

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Ein Festival das gar keins war

Ich liebe japanische Festivals (祭り – まつり – matsuri). Und jetzt im Sommer ist absolute Festivalzeit in Japan. So ziemlich an jedem Wochenende findet derzeit irgendwo eins statt. Kleine, große, bekannte, unbekannte, laute, leise, in nah und fern. Um endlich mal wieder meine in den letzten Monaten extrem angestaubte Kamera benutzen zu können – und natürlich auch um das Matsuri zu sehen! – hatten wir eigentlich vor, dieses Jahr nach 青森 (あおもり – aomori – Aomori) im Norden Japans zu fahren, um uns das dortige, extrem berühmte ねぶた祭り (ねぶたまつり – nebuta matsuri – Nebuta Festival) anzuschauen (Wikipedia-Artikel leider nur auf Englisch verfügbar). Wer die Bilder davon sieht wird verstehen, waurm wir das wollten.

Nun wollten wir die ganze Reise aber so low-budget wie möglich durchziehen – schliesslich bin ich ja derzeit „nur“ Student. Also galt es abzuwägen, ob wir de Shinkansen nehmen, der ist schnell aber dafür teuer, oder lieber mit (Nacht-)Fernbussen fahren sollten, die sind günstig, brauchen dafür aber ewig. Um die Diskussion zu vertagen haben wir uns erstmal nach möglichen Unterkünften umgeschaut. Dabei mussten wir recht schnell feststellen, dass wir viel zu spät dran waren, und alles bezahlbare schon ausgebucht war. Was nun? Couchsurfing! Wollte ich schon immer mal probieren, und jetzt bot sich doch die ideale Gelegenheit. Leider haben uns aber von den drei möglichen Alternativen in Aomori zwei recht schnell abgesagt. Der dritte hat sich gar nicht gemeldet.

Nun, wie es der Zufall so will, haben wir, während wir noch auf die Reaktion des Dritten warteten, in der Zeitung zwei sehr interessante Sachen gefunden, die uns letztlich zum Umdenken bewogen haben:

  • Ein sehr günstiges Ticketangebot der JR East (das ist der Teil der Japan Railways Corporation, der so ziemlich das komplette Gebiet nord-östlich von Tokio bedient): Ein Tag unlimitiertes Fahren mit allen Zügen der JR East für ¥10.000 – das sind derzeit etwa €89.
  • Ein ganz spezielles Festival, dass sich die Verantwortlichen der Region Tōhoku (Stichwort: Erdbeben/Tsunami/Fukushima) haben einfallen lassen: Sechs Festivals aus der gesamten Region kommen nach Sendai, der größten Stadt in Tōhoku, und feiern dort gemeinsam. Das Ganze lief unter dem Namen 仙台六魂祭 (せんだいろっこんさい – sendai rokkonsai – Sendai Sechsfach-Festival unübersetzbar, da Eigenname – aber er verrät, dass es sich um sechs Festivals in einem handelt) – inklusive der von uns ursprünglich anvisierten 青森ねぶた (あおもりねぶた – aomori nebuta – Nebuta aus Aomori)!

Beides sind natürlich Maßnahmen, um den nach den Ereignissen vom 11. März massiv eingebrochenen Tourismus in der Region Tōhoku wieder anzukurbeln. Eine hervorragende Idee wie ich finde wir fanden, und so haben wir kurzerhand unsere Aomori-Pläne über Bord geworfen, und unsere Planung für einen Tagesausflug nach Sendai begonnen.

Obwohl Sendai gut 300km von Tokio entfernt ist, lässt sich das durchaus als Tagestrip bewältigen – dank des 東北新幹線 (とうほくしんかんせん – tōhoku shinkansen – Tōhoku Shinkansen), der Tokio mit Aomori im Norden verbindet, unter anderem via Sendai. Nun hat der Geograph in mir natürlich sofort die Karte vor sich gesehen und gesagt: Moment mal! Von Tokio nach Sendai, da kommt man doch an Fukushima vorbei! Richtig. Fukushima ist sogar einer der Haltepunkte des Shinkansen. Aber, und das vergessen viele, bzw. der unvollständige Katastrophen-Journalismus (ja, zweideutig!) verschweigt es: Die Präfektur Fukushima (福島県 – ふくしまけん – fukushima-ken) ist flächenmäßig die drittgrößte Japans, und die Präfekturhauptstadt 福島市 (ふくしまし – fukushima-shi – Fukushima) liegt gut 60km östlich des havarierten AKWs. Auch wenn die Konnotation wohl für immer mit dem Wort „Fukushima“ mitschwingen wird, ist der Begriff nicht gleichzusetzen mit „Strahlentod“ und „Katastrophengebiet“. Fukushima ist groß! So konnte ich auch nach ein bisschen Informationen sammeln und Auseinandersetzen mit den Fakten recht schnell diese Sorgen vergessen.

Das Programm sah vor, dass am Abend ab 17h die große sechsfache Parade stattfinden würde – also das große Highlight dessenwegen wir dort hin wollten. Um nun nicht den ganzen Tag in Sendai herumlungern zu müssen (unsere Abfahrt ab Tokio-Ueno war um kurz vor 8h morgens!), haben wir uns ein wenig informiert, was man in der Region denn sonst noch so tun könnte. Und auch hier hat uns der Zufall wieder in die Karten gespielt: Im Juni diesen Jahres (also ein paar Wochen vor unserem Reisetermin am 16. Juli) wurden nämlich einige Tempel, deren Gärten und weitere archäologische Fundstätten in 平泉 (ひらいずみ – hiraizumi – Hiraizumi), etwa 100km nördlich von Sendai, zum UNESCO Weltkulturerbe erklärt – auch das hatten wir (in dem Fall sogar mal ich!) den japanischen Nachrichten entnommen. Ich hatte noch so meine Zweifel, ob es denn Sinn macht, während eines Tagesausflugs nach Sendai noch so weit weg zu fahren, zumal die Zugverbindungen nach Hiraizumi alles andere als häufig sind. (Für Experten, die schnellste Verbindung ist von 仙台駅 mit dem 東北新幹線 nach 一ノ関 und von dort mit der 東北本線 nach 平泉駅)

Wir haben uns dann letzten Endes aber doch entschieden, dort hin zu fahren, weil wir einfach nichts anderes attraktiv erscheinendes in Sendai gefunden haben. Und es hat sich absolut gelohnt! Die Tourismusindustrie in Hiraizumi ist den Webseiten (sogar den eigenen in Japanisch und Englisch!) um Lichtjahre voraus was Information und Organisation angeht. Inzwischen gibt es einen etwa im 10-Minuten-Takt verkehrenden Shuttlebus („Loop Line“), der alle wichtigen (und auch ein paar nicht so wichtige) Stationen abklappert. Alternativ gibt es auch direkt am Bahnhof einen Fahrradverleih, der nach Anerkennung des Welterbe-Status seinen Bestand vermutlich verhundertfacht hat – an dem Tag war es aber viel zu heiß zum rad’ln (bayerisch für „Fahrrad fahren“).

Zum 達谷窟毘沙門堂 (たっこくいわやびしゃもんどう – takkoku iwaya bishamon-dou – Takkoku Iwaya Bishamon Tempel), den ich eigentlich unbedingt sehen wollte haben wir es in der Kürze der uns zur Verfügung stehenden Zeit leider nicht geschafft. Nächstes mal! Aber die beiden anderen „Hauptsehenswürdigkeiten“ Hiraizumis, 毛越寺 (もうつうじ – mōtsūji – Mōtsū Tempel) und 中尊寺 (ちゅうそんじ – ちゅうそんじ – chūsonji – Chūson Tempel) waren absolut sehenswert. Bei ersterem hat mich vor allem der Garten (oder was davon noch übrig geblieben ist) fasziniert. Bei letzterem ist es das ganze drumherum, das mir sehr gut in Erinnerung geblieben ist: Man läuft sehr, sehr, sehr lange durch einen Wald, immer bergauf, und kommt dabei immer wieder an kleinen Nebentempeln vorbei. Mit jedem Höhenmeter und jedem weiteren vergossenen Liter Schweisses wird die Hoffnung größer, dass es „der doch jetzt sein muss!!“. Ist er aber nicht. Leider. Merke: Der Aufstieg zum Chūson Tempel ist nicht zu empfehlen an heißen Tagen wie dem 16. Juli 2011. Er hat viele Opfer gefordert, die im Schatten am Wegesrand ihre Wunden (Überhitzung, Hitzschlag, Dehydrierung) leckten… Wenn man es dann aber mal geschafft hat, vergisst man das Leiden sehr schnell. Ich hatte immer gedacht, 金閣寺 (きんかくじ – kinkaku-ji – Kinkakuji) in Kyoto wäre das goldenste Gebäude Etwas auf der Erde, aber ich hatte mich getäuscht. Es ist definitiv der Chūson Tempel in Hiraizumi. Kann man nicht beschreiben, muss man selber gesehen haben. Wahrscheinlich deswegen ist Fotografieren dort auch verboten…

Bis dahin war der Tag super – die Hitze mal ausgenommen. Aber dann… Ich nehme die volle Schuld auf mich für das was dann passierte. Ja, ich habe mich tatsächlich beim Raussuchen des Fahrplans für die Rückfahrt in der Richtung vertan. Statt eine Verbindung von Hiraizumi nach Sendai habe ich also eine von Sendai nach Hiraizumi gefunden. Und wir haben uns stur nach deren Abfahrtszeit „ab Hiraizumi“ (…) gerichtet. Und da hat es sich dann gerächt, dass die Zugverbindungen in Hiraizumi so spärlich sind: Wir saßen eine geschlagene Stunde am (nicht allzu interessanten) Bahnhof von Hiraizumi herum. Das an sich wäre ja noch nicht so schlimm gewesen (Schatten und Getränkeautomaten waren vorhanden), aber der Blick auf die diesmal korrekte Verbindungsinformation nach Sendai ließ keinen Zweifel: Wir würden exakt 20 Minuten vor dem Ende der großen Parade am Hauptbahnhof von Sendai ankommen. Das Festivalgelände ist aber nochmal ein gutes Stück entfernt… Fakt war also: Dank meines Missgeschicks meiner Dummheit würden wir das verpassen, weswegen wir eigentlich hierher gekommen waren. Damit war die Stunde rumsitzen natürlich noch frustrierender…

Aber das Schicksal sollte sich wenden!

Nachdem wir also um 17:40 wieder zurück in Sendai waren, standen wir vor der Entscheidung, was nun? Die Optionen waren:

  • Sofort zurück nach Tokio und früh ins Bett – wir waren wirklich ausgelaugt von dem langen Tag in der Sonne)
  • Irgendwo nett was in Sendai essen – Favorit war natürlich 牛タン (ぎゅうたん – gyū-tan – gegrillte Rinderzunge). Klingt eklig, ist aber neben der Tatsache, dass es die örtliche Spezialität in Sendai ist, wirklich lecker. Von der Konsistenz her gar nicht wie man sich eine Zunge vorstellt, sondern eher weich wie ein Filet. Aber ich schweife ab…
  • Ab zum Ort des Geschehens uns sehen, ob noch was sehenswertes passiert.

Da ich hemmungslos frustiert war, und irgendwie hoffte, dass die ganze Parade länger dauern würde als geplant (es war noch nicht einmal dunkel zu dem Zeitpunkt!), konnte ich mich durchsetzen, und wir brachen auf in Richtung Festival. Noch eine Entscheidung: Laufen (wohl so ca. 20 Minuten) oder U-Bahn (reine Fahrzeit 2 Minuten). Den puren Fakten glaubend sind wir runter in die U-Bahnstation. Dort (natürlich!) ganz knapp einen Zug verpasst – 10 Minuten warten… Hätten wir doch lieber laufen sollen? Dann mit dem nächsten Zug zwei Stationen (bis 勾当台公園). Und dort die Gewissheit: Ja, wir hätten laufen sollen! Die Station war absolut überfüllt. Geschätzt eine Fantastilliarde Menschen wollten vom Festival in die U-Bahn, eine weitere Fantastilliarde wollte in die Gegenrichtung – raus in Richtung Festival. Und wir mittendrin. Da die automatischen Schleusen in Sendai nicht auf derartige Überlastung ausgelegt sind, haben sie alle zwei, drei Passagiere den Dienst quittiert, nur um von einem der zwei (zwei!) bemitleidenswerten Mitarbeiter wieder in Gang gesetzt zu werden. Es dauerte also etwa eine Dreiviertelstunde, bis wir aus der Sardinenbüchse U-Bahnstation ans Tageslicht gelangten. Genug Zeit, um sich zu überlegen, ob das bei einer Panik, beispielsweise in Folge eines Erdbebens oder Terroranschlags ähnlich zugehen würde. Und genug Zeit um ein Fetzen von Gerüchten aufzuschnappen, die neben diversen Gerüchen durch die heiße, laute, enge Atmosphäre an unsere Ohren waberten: 祭り・・・中止 (まつり・・・ちゅうし – matsuri … chū-shi – Festival … abgebrochen/abgesagt) Hmm… Der Fotograf in mir hat in Sekundenbruchteilen geschlossen, dass das Festival unterbrochen wurde, und ich so doch noch zu meinen Bildern (sogar im Dunklen!) kommen würde.

Die Ernüchterung folgte dann, als wir endlich die Oberfläche erreichten. Unmengen an Menschen. Aber von Parade nix zu sehen. Weit und breit. Nur Menschen sowie Polizei und Feuerwehr, die versuchten, das offensichtliche Chaos irgendwie in den Griff zu bekommen. Weitestgehend erfolglos… Es folgte also die Gewissheit, dass es heute keine Parade mehr zu sehen geben würde. Das war natürlich enttäuschend – nicht nur für uns. Das Gute daran aber war, dass das im Umkehrschluss bedeutete, dass es eine gute Entscheidung war, nicht 100% unseres Programmes auf das Festival in Sendai auszurichten! Und auch die verspätete Rückkehr aus Hiraizumi war nun gar nicht mehr schlimm. Ein gutes Gefühl – obwohl ich natürlich sehr sehr gerne die Parade gesehen hätte. Der Rest des Abends für uns bestand dann darin, uns mit den Massen zurück in Richtung Sendai-Hauptbahnhof zu quetschen, um dort unseren Zug zurück nach Tokio um 20:51h zu erwischen. Das Vorhaben 牛タン mussten wir leider abblasen, weil a) sämtliche Restaurants zwischen Festivalgelände und Bahnhof sowie allgemein in Bahnhofsnähe kilometerlange Schlangen vor ihren Türen ansammelten, und b) auch am Bahnhof so gut wie alle お弁当 (おべんとう – o-bentō – Essensbox für unterwegs) ausverkauft waren, speziell natürlich die mit der Spezialität.

Für uns nahm der Tag also ein sehr chaotisches, aber halbwegs versöhnliches, wenngleich allgemein betrachtet etwas enttäuschendes Ende. Auf die Veranstalter des Festivals aber dürfte noch einiges an Ärger zukommen. Das gesamte Festival war offenbar absolut schlecht geplant und vorbereitet. Einer der Gründe für den Abbruch war beispielsweise, dass den Organisatoren aufgefallen ist, dass einige der Nebuta zu groß sind, und nicht unter Brücken, Bäumen und Verkehrsschildern auf der Strecke der Parade passen würden. Das hätte man ja auch vorher nicht mal nachmessen können… Das größte Problem war aber wohl einfach die viel zu große Menge an Menschen, die zu dem Festival gekommen ist – so wie wir. Wir haben viele Menschen getroffen, die ebenfalls mit dem günstigen Ticket dorthin gekommen waren und nun unverrichteter Dinge wieder die Heimreise antreten mussten. So gesehen hatten wir ja noch einen sehr erfolgreichen Ausflugstag! Besonders leid tun mir aber auch die vielen Teilnehmer der Parade, die ja auch teils eine recht weite und dank der Wägen usw. sicherlich nicht einfache Anreise hatten, und sich vermutlich wochen- und monatelang auf ihre Auftritte vorbereitet hatten…

Man hat übrigens beschlossen, dass es dieses Festival nächstes Jahr nicht mehr geben wird. Ist wohl auch besser so…

Die Titelmusik meines Video-Blogs ist von Erik Skiff und heißt „Chibi Ninja“ (Informationen zum Künstler). Sie steht unter Creative Commons BY 3.0.

Außerdem ist in dieser Folge auch „Five Minutes in the Rainforest Café“ von Macaw (Informationen zum Künstler) zu hören, das unter Creative Commons CC BY-NC-ND 3.0 steht.

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3 Kommentare

  1. Stefan Lust

    Also dass man auf Reisen immer sein Handtuch dabei haben soll wissen wir ja spätestens seit „Per Anhalter durch die Galaxis“. Aber der Kollege im Video bei 7:00 erinnert mich dann doch spontan an einen prominenten endskrassen Checker vom Hasenbergl: http://www.kinoweb.de/film2000/ErkanUndStefan/pix/ErkanStefan15_L.jpg (nur sein Anzug ist halt nicht „aus echtem Trainings“).

  2. Sarganto

    Also warst du mal in meiner gefühlten zweiten Heimat Sendai. Wirklich schade, dass das mit dem Festival/Parade nicht geklappt hat, normalerweise sind die Festivals in Sendai ein echter Hingucker, z.b. das Tanabata Festival und das „Lichterfest“ irgendwann im Dezember, da ist mir der japanische Name gerade entfallen. Sieht so aus:
    http://japantraveleronline.com/photo/area/G2050602.jpg

    Das kann ich persönlich nur empfehlen.

    Wenn ich nur daran denke, verkrampft sich bei mir alles und ich möchte unbedingt wieder hin T^T

    1. Konni

      Ja, das Tanabata-Festival wäre einer der 6 Teile des großen Festivals gewesen, das wir sehen wollten. Da das nicht geklappt hat, steht es natürlich weiterhin auf meiner Liste. Meinst du mit dem „Lichterfest“ das „Sendai Pageant of Starlights“ im Dezember? (http://www.sentabi.jp/1000/0007/0000/1000000700000004.html)

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