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Dez 31 2011

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2011 -> 2012 – Teil 1

Bald ist es so weit, und das Jahr 2011 geht hier in Japan zu Ende, um Platz zu machen für 2012. Das ist zwar nicht das erste Mal, dass ich den Jahreswechsel in Japan erlebe, aber diesmal bin ich doch etwas mehr in die ganzen Bräuche und Gepflogenheiten involviert, die es hier so gibt. Einige davon möchte ich hier gerne mal vorstellen, beziehungsweise (so weit ich sie selber verstanden habe) auch erklären. Da es da sehr viel zu erzählen gibt, teile ich das Ganze in zwei Artikel auf. Heute geht es um alles, was vor dem Jahreswechsel passiert, morgen berichte ich dann, was am Anfang des neuen Jahres so alles vor sich geht.

大掃除 (おおそうじ – ō-sōji): Großreinemachen
Für Japaner fängt der Jahreswechsel mit dem an, womit er in Deutschland meistens aufhört: Putzen! Das muss nicht unbedingt am letzten Tag des Jahres passieren, sondern wird meist in den letzten ein bis zwei Wochen des Jahres erledigt. Die Idee dahinter ist das Bestreben, keine Sorgen oder Aufgaben aus einem Jahr mit in das andere Jahr zu übernehmen. Demzufolge werden auch (sofern möglich) Projekte, Jahresabschlüsse, Vertragsverhandlungen und ähnliches in der Arbeit vor dem Jahresende komplettiert. Und der Schmutz des alten Jahres hat im neuen Jahr auch nichts verloren, damit man einen „sauberen“ Start hinlegen kann. Mit dem Ergebnis dass Japan Ende Dezember noch sauberer ist, als es das ohnehin schon das ganze Jahr über ist. Die Straßen sehen aus wie geleckt, die Bahnhöfe sind noch steriler gereinigt, in den Büros und Wohnzimmern findet sich kein Staubkorn mehr, und selbst komplett ungenutzte Räume werden auf Hochglanz poliert. Das wird dann auch als Gruppen-Aufgabe verstanden und umgesetzt. In meinem Lab an der Uni haben wir beispielsweise zu zehnt das komplette Department auf Vordermann gebracht. Inklusive Reinigung der Klimaanlagen und Auswechseln der defekten Leuchtstoffröhren. Oh, und unser パソコン担当 (ぱそこんたんとう – pasokon tantō – PC-Verantwortlicher) hat nochmal alle Rechner gescannt und sichergestellt, dass die Antiviren-Software auf dem aktuellsten Stand ist.

お正月飾り (おしょうがつかざり – o-shōgatsu kazari): Dekoration
Wenn dann alles sauber ist, kann es dekoriert werden. Parallel zur auch in Japan immer beliebter werdenden überbordenden „festlichen“ Weihnachtsbeleuchtung (natürlich alles LEDs, wir müssen ja Strom sparen…) werden dann also die traditionellen Neujahrsdekorationen angebracht.
しめ飾り (しめかざり – shimekazari) sind aus Reisstroh geflochtene Ornamente. Diese wiederum sind mit verschiedenen Dingen bestückt, die alle eine eigene Bedeutung haben. Die rot-weißen Papierstreifen (紙垂 – しで – shide) haben (ebenso wie die Reisstroh-Schleifen selbst) die gleiche Bedeutung, die sie das ganze Jahr über an Shintō-Schreinen haben (auch wenn sie da rein weiß sind) – nämlich Böses fernzuhalten. An den Schreinen werden die 紙垂 übrigens an Neujahr erneuert. Den Hintergrund der rot-weißen Färbung konnte ich leider nicht 100% sicher in Erfahrung bringen, es könnte entweder eine alte aus China überlieferte Farbkombination sein, die Glück bringt, oder es ist einfach eine Referenz an 日の丸 (ひのまる – hinomaru – Sonnenkreis), die japanische Flagge. Bei sachdienlichen Hinweisen melden Sie sich bitte bei der nächsten Polizeidienststelle oder einem unserer Aufnahmezentren. Dann gibt es da noch 橙 (だいだい – daidai), eine Bitterorange. Deren positive Bedeutung ergibt sich (wie vieles andere auch, s. おせち料理) aus einem Wortspiel, da 代々 ebenfalls als „daidai“ gelesen wird, was sich wohl am ehesten mit „generationsübergreifend“ übersetzen lässt. Passend dazu steht der Farn für eine glückliche Familie, über viele Generationen. Der Hummer symbolisiert durch seinen gekrümmten Körper (wer schomal japanische Greise gesehen hat, weiß um die Ähnlichkeit) das Alter. Die Kiefernzweige letztlich sind ein weiteres Symbol für Langlebigkeit und Kraft, weil sie schließlich das ganze Jahr über grün sind.

門松 (かどまつ – kadomatsu) sind an den Eingängen zu vielen Geschäften und öffentlichen Gebäuden zu finden. Die drei Bambussäulen stellen den Himmel, die Menschheit und die Erde dar (in abnehmender Größe). Die Kiefernzweige symbolisieren wiederum ein langes Leben.

年賀状 (ねんがじょう – nengajō): Neujahrskarten
Was in Deutschland die Weihnachtskarten sind, sind in Japan die 年賀状. Diese Karten verschickt jede Familie an alle Familienmitglieder, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen, Kunden und so weiter. Also eigentlich an jeden. Es ist keine Ausnahme für einen normalen Haushalt, etwa 100-200 Karten zu verschicken. Diese Karten sollten bevorzugterweise am Neujahrsmorgen (ja, am 1.1. wird in Japan die Post verteilt!) im Briefkasten liegen, damit man an diesem Tag auch was zu tun hat. Und sollte man dabei bemerken, dass man jemanden vergessen hat, so kann man problemlos noch eine Karte nachträglich schicken.
Es gibt allerdings ein paar Regeln zu beachten. So werden beispielsweise an Haushalte, die im vergangenen Jahr einen Todesfall zu beklagen hatten, keine Karten verschickt. Sollte man als trauernder Haushalt doch eine Karte bekommen, verschickt man im Nachhinein wiederum eine Karte, auf der man erklärt, warum man selbst in diesem Jahr keine Karten verschickt hat. Ebenso, und das habe ich erst heute im eigenen Familienkreis gelernt, endet die „Pflicht“ 年賀状 zu verschicken mit dem 65. Lebensjahr.
Die Karten selbst kann man entweder fertig gestaltet kaufen oder selber basteln. Dafür gibt es einen eigenen Zweig an Software und Onlinediensten, die einen bei der Erstellung und Gestaltung der 年賀状 unterstützen. Die Karten selbst sollten aber nicht auf normales Papier gedruckt werden, sondern auf vorgefertigte Karten, die bereits frankiert sind und eine Losnummer für die 年末ジャンボ宝くじ (ねんまつじゃんぼたからくじ – nenmatsu janbo takara-kuji) große Neujahrslotterie (s. Teil 2 dieses Artikels) tragen. Natürlich gibt es einen eigenen Briefkasten, damit die 年賀状 auch bevorzugt behandelt werden können.

年越しそば (としこしそば – toshi-koshi soba): Neujahrsnudeln
Die Bedeutung dieses Essens-bezogenen Brauches erklärt sich aus der traditionellen Form von そば (Soba-Nudeln). Da diese extrem lang sind, symbolisieren sie ein langes Leben und werden deswegen traditionell entweder am letzten Tag des Jahres oder kurz nach Mitternacht verspeist.

紅白歌合戦 (こはくうたがっせん – kōhaku uta-gassen): TV-Gesangswettbewerb
歌合戦 (uta-gassen), wie es umgangssprachlich genannt wird, ist eine viereinhalbstündige, alljährlich von NHK (der japanischen ARD) produzierten Live-Sendung, in der die erfolgreichsten Sänger und Bands des abgelaufenen Jahres auftreten. 合戦 (がっせん – gassen) bedeutet „Schlacht“. Im Prinzip ist es ein Wettbewerb zwischen Männlein und Weiblein, symbolisiert durch die schon bekannten Farben rot und weiß. Daher auch der Name 紅白 (こうはく – kōhaku), der nichts anderes bedeutet als diese beiden traditionellen Farben. Das interessante am 歌合戦 für mich ist die unvorstellbare Breite der dargebotenen Musik, von traditionellem 演歌 (えんか) Enka über Rock, Schnulzen, Oper bis hin zu J-Pop, inklusive den unvermeidlichen AKB48 und KARA, dem K-POP-Direktimport aus Südkorea. Am eindrücklichsten war in diesem Jahr der direkte Übergang von 伍代夏子(ごだい・なつこ – Gōdai Natsuko) zu L’Arc en Ciel, hier mal symbolisch durch zwei Videos ihrer heute dargebotenen Stücke dargestellt:

除夜の鐘 (じょやのかね – joya-no kane): Glockenläuten
Das muss man sich etwas anders vorstellen, als das typische Glockenläuten in Deutschland. Um Mitternacht, beziehungsweise präziser gesagt ab Mitternacht werden in allen buddhistischen Tempeln die Glocken 108-mal geläutet. Die 108 symbolisiert die 108 Sünden, von denen die Menschheit durch das 108-malige Läuten einer buddhistische Tempelglocke erlöst werden kann. Das zieht sich dann bis in die frühen Morgenstunden…

So, das muss als kultureller Einstieg in japanische Neujahrsbräuche ausreichen – schließlich will ich jetzt auch ein bisschen feiern. Einen guten Rutsch euch allen! Wir sehen uns in 2012!

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