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Mai 06 2012

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Aus is‘!

Und zwar Tomari-3. Seit gestern, dem 5. Mai 2012 ist Japan zum ersten Mal seit 1970 komplett Atomstrom-frei.

Ist das nun ein Grund zum Feiern? Nun, auf der einen Seite natürlich schon, klar. Schliesslich kann niemand mehr ernsthaft FÜR die Nutzung von Atomkraft sein. Wer es 1979 oder 1986 noch nicht verstanden hat, den sollte vielleicht wenigstens der 3.11.2011 zum Nachdenken bringen… (Interessant, wie jeder „zivilisierte“ Kontinent (Nordamerika, Europa, Asien) seinen Reaktorunfall hatte, und trotzdem niemand was gelernt hat…)

Aber, und das ist die große Frage: Was wird denn jetzt in Japan? Denn wenn statt 54 Reaktoren nunmehr 0 laufen, woher kommt dann die Energie, die Japan am laufen hält? In dem Zusammenhang sei übrigens noch der Hinweis erlaubt, dass das „Abschalten“ gestern natürlich kein Sprung von 54 auf 0 war, sondern von 1 auf 0 – die restlichen 53 Reaktoren (in denen übrigens auch die vier in Fukushima-1 mit eingerechnet sind) wurden in den vergangenen Monaten nach und nach für Routine-Wartungsarbeiten abgestellt und aus Sicherheitsbedenken nicht wieder angefahren.

Aber zurück zur Millionen-Frage: Steht Japan jetzt still? Nein, natürlich nicht. Kernenergie ist nicht mehr, also geht man technologisch einen Schritt zurück und verbrennt wieder Kohle. Nur blöd, dass Japan derart arm an fossilen Brennstoffen ist, dass der Großteil aus China importiert werden muss. So gesehen ist die derzeitige Zwischenlösung also ein mehr als fauler Kompromiss. Nicht nur, dass Kohlekraftwerke durch ihre hohen CO2-Emissionen extrem umweltschädlich sind, sondern die Kohle aus China ist teuer und wird unter mehr als zweifelhaften Bedingungen gewonnen. Fassen wir also zusammen: Der derzeit eingeschlagene Atomstrom-freie Weg ist umweltschädlich, unwirtschaftlich und sozial schwer vertretbar.

Aber was sind die Alternativen? Na klar: Die „erneuerbaren“ Energien! (Blöde Frage am Rande: Wer erneuert die eigentlich?!) OK, wollen wir mal sehen… Windenergie? Prinzipiell gut, nur ist der Platz für Windparks auf dem Land knapp. Und die Küste vor Japan fällt größtenteils zu steil ab, als dass Offshore-Windparks mit vertretbarem Aufwand zu realisieren wären. Solarenergie? Wiederum ein Platzproblem. Große Solarkraftwerke brauchen Platz, entweder im flachen Land (ist in Japan entweder besiedelt oder landwirtschaftlich genutzt) oder mit Relief, sofern die Himmelsrichtung stimmt (ist in Japan überwiegend bewaldet). Was durchaus möglich wäre, und meines Erachtens viel zu wenig umgesetzt wird, sind Haus-Solaranlagen wie in Deutschland, die bei entsprechender Leistung nicht nur den Eigenbedarf decken können, sondern sogar Überschüsse ins Netz einspeisen können. Gibt es in Japan sehr vereinzelt, aber da wäre (gerade auf dem Land) noch viel Potential. Zudem haben sowohl Wind- als auch Solarenergie das Problem, dass die Energie nicht durchgehend zur Verfügung steht – und oftmals gerade dann nicht, wenn man sie bräuchte (bspw. abends im Falle von Solarenergie). Und solange die Frage der effizienten Speicherung von Wind-/Solarstrom nicht geklärt ist, werden diese beiden Kandidaten sich wohl nicht durchsetzen. Was wäre da noch? Oh, Geothermie! Meiner persönlichen Meinung nach, liegt hier das größte Potential. Schließlich liegt Japan, wie wir dank zahlreicher Erdbeben wissen, in einer tektonisch sehr aktiven Gegend, und wie wir dank zahlreicher Onsen (heißen Quellen) wissen, sprudelt geothermale Energie an allen Ecken und Enden aus der Erde. Es gibt auch schon erste Anlagen, die sich diese Energieform höchst effizient zu Nutzen machen. Ich habe vor geraumer Zeit mal eine Dokumentation im japanischen Fernsehen gesehen, in der ein Geothermie-„Aktivist“ (jenseits der 80) fast täglich Reisegruppen aus dem ganzen Land bereitwillig zu seinem kleinen Kraftwerk führt, wo unter großem „へぇぇ“ und „すごい!“ neben heißem Dampf vor allem das weit verbreitete Nichtwissen der Japaner zum Thema alternativer Energien zu Tage trat. Ich würde mir wünschen, dass es in Japan mehr solcher Mit- und Weiterdenker gäbe, die nicht nur desinteressiert den Irrungen und Wirrungen einer überalterten und inkompetenten Regierung folgen, sondern sich mal selbst mit dem Thema beschäftigen, sich eine eigene Meinung bilden, und diese auch lautstark und vehement kundtun. Oder noch besser, wie der Geothermie-Opa, es nicht bei Worten belassen, sondern aktiv werden!

Ein letzter Aspekt ist da aber noch beim Thema Energie, der meines Erachtens viel zu selten angesprochen wird. Es macht auf lange Sicht keinen Sinn, immer nur darüber nachzudenken, wie wir (egal ob nachhaltig oder nicht) immer mehr Energie für einen immer mehr wachsenden Energiehunger erzeugen können, sondern es wäre viel wichtiger, endlich mal damit anzufangen, darüber nachzudenken, wie wir über kurz oder lang eben diesen Energiehungen bändigen können. Sprich: Statt das Angebot auszuweiten sollten wir die Nachfrage eindämmen.

Was bedeutet das alles nun für Japan? Werden die Lichter ausgehen? Also bisher nicht. Klar, wie gesagt, in den letzten 24 Stunden hat sich die Energielage nicht dramatisch geändert, außer dass eben ein Reaktor vom Netz genommen wurde. Allerdings steht Japan damit eine Situation bevor wie im vergangenen Sommer. Es wird mit Sicherheit wieder die gleichen Maßnahmen zur gleichmäßigeren Verteilung des Energiebedarfs wie in 2011 geben (Arbeit am Wochenende, dafür einen Tag unter der Woche frei), es wird wieder 節電 (せつでん, setsuden, Energie sparen) und クールビズく (くうるびず, kūru bizu, Cool Biz) geben, wovon ich letztes Jahr berichtet hatte. Und auch ich werde wieder schwitzen, weil ich die Klimaanlage bewusst nicht anschalte. Schließlich können wir nicht einfach so tun, als wäre nichts – auch wenn viele das gerne so hätten, sei es aus Ignoranz oder Desinteresse (ich weiß nicht, was von beiden schlimmer ist)…

Ein TV-Tipp noch für alle, die in Japan leben: Gestern abend lief auf NHK im Rahmen der Reihe ドキュメンタリーWave eine Dokumentation über die Abschaltung des AKW Greifswald 1990, den nach wie vor andauernden Rückbau und die vielfältigen Auswirkungen des AKWs und seiner zunehmenden Nutzung als Atommüll-Zwischenlager auf den Nachbarort Lubmin, dessen (nach Schließung des AKW) einzige Einnahmequelle der Tourismus ist. Die Sendung wird noch einmal ausgestrahlt am 13. Mai um 20 Uhr.

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2 Kommentare

  1. Anika

    Ich muß gestehen, ich habe vom diesjährigen Stromsparen absolut NICHTS mitbekommen..
    Liegt das jetzt daran, dass ich keinen Fernseher habe? Kein Radio höre?
    Die Klimaanlagen in den Conbinis und Geschäften laufen, ich habe bis jetzt nur funktionierende Rolltreppen gesehen und die Neonreklamen leuchten auch munter die ganze Nacht..

    1. Konni

      Na wir haben ja „zum Glück“ wieder ausreichend Atomstrom im Lande… Die Idee, dass man mit dem Stromsparen bei all den unwichtigen Stromverschwendungen anfangen könnte. Mir fallen da zum Beispiel die auf Gefriertruhen-Temperatur runtergekühlten Geschäfte ein, deren Türen sperrangelweit offen stehen. Oder die unnützen Treppenhaus- und Laubengang-Beleuchtungen, die rund um die Uhr an sind. Bewegungsmelder? Schon mal gehört? Und wenn Taro Tanaka nach seinem 18h Tag im Büro heimkommt, reicht es auch, wenn im Erdgeschoss und auf seinem Stockwerk das Licht angeht – die anderen 20 Etagen seines Wohnsilos dürften ruhig in Dunkelheit verweilen… Ach, was könnte ich mich da bei meiner all-abendlichen Zugfahrt aufregen!

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