«

»

Dez 23 2012

Beitrag drucken

Baumkuchen vom Grill, oder: Weihnachten im Container

Fast zwei Jahre ist es jetzt her, dass am 3.11.2011 ein schweres Erdbeben einen Tsunami ausgelöst hat, der große Teile der Ostküste Nordjapans schwer verwüstet hat. Wie nicht anders zu erwarten war, hat sich das Interesse der Welt inzwischen anderen Themen zugewandt, und die Menschen in Tōhoku werden zunehmend ihrem Schicksal überlassen. Klar, es wurde viel getan und viel geholfen, und die Situation der meisten Menschen dort oben ist inzwischen weitaus besser, als man es für möglich halten mag. Dennoch sind sie noch weit von einem Leben entfernt, das man als »normal« bezeichnen könnte.

Deswegen ist es wichtig, dass es nach wie vor Organisationen gibt, die nicht (nur) Geld, sondern wirkliche Hilfe und Helfer organisieren und in den Norden schicken. Eine dieser Organisationen ist とうボラ (tō-bora, Tokio Volunteer), die regelmäßig mit Bussen in die Region um Sendai fahren, einer der vom Tsunami am stärksten betroffenen Regionen. Ich persönlich hatte schon seit langem den Wunsch und das Verlangen, auch etwas zu tun, aber (so blöd das klingt) es hat sich leider nie konkret ergeben. Umso mehr war ich von der Idee begeistert, als meine Frau mir von einer Weihnachtsaktion von とうボラ erzählt hat, bei der es darum ging, eine kleine Weihnachtsfeier für die Leute vor Ort zu veranstalten, hauptsächlich natürlich für die Kinder.

So haben wir uns dann am 14.12. um 23 Uhr mit acht anderen Volunteers am Treffpunkt in Bahnhf Ueno getroffen, und sind dann mit etwa 20 anderen Helfern von かなボラ (kana-bora, Kanagawa Volunteer), der Partnerorganisation von とうボラ aus Yokohama, Richtung Norden aufgebrochen. Nach etwa sechs Stunden Fahrt durch’s nächtliche Japan und diversen Ruhepausen an Rastplätzen unterwegs sind wir dann gegen 6:30 Uhr morgens in Ishinomaki (石巻市) angekommen. Der Name dürfte dem einen oder anderen ein Begriff sein, da er es aufgrund seiner unfassbar großen Zerstörung nach dem Tsunami in die internationalen Medien geschafft hatte.

Nachdem es noch sehr früh war, hat uns der Organisator der Aktion zu einigen Orten in Ishinomaki geführt, und uns die Schäden und dazugehörigen Geschichten vor Ort geschildert. Zuerst fuhren wir in ein Gebiet direkt an der Küste, neben dem Hafen von Ishinomaki, das vom Tsunami fast vollständig zerstört wurde. Aufgrund der topographische Lage hat die japanische Regierung im Nachhinein auch entschieden, dass dort in Zukunft nicht mehr gebaut werden darf. Das Gebiet wurde geräumt und von fast allen Überresten befreit und ist deswegen jetzt eine weite leere Fläche, in der nur noch Hausfundamente, kleine Mengen Schutt und vereinzelte Ruinen, die nicht vollständig zerstört worden waren, daran erinnern dass hier einmal ein lebendiger Ortsteil war. Diese Überreste wurden aber ganz bewusst dort gelassen, als Mahnmal und zugleich Gedenkstätte für die Zukunft. So gibt es dort beispielsweise die Überreste eines Geschäftsgebäudes, die aus dem Fundament und einer einzelnen Säule bestehen. Mehr haben die Naturgewalt davon nicht übrig gelassen. Im Nachhinein wurde nun noch ein Pfosten aufgestellt, der die maximale Wasserhöhe an dieser Stelle zeigt: 6,9m. Das zu sehen, nicht nur als Zahl, sondern in der realen Dimension, lässt keine Fragen offen, wie es zu einer derartigen Zerstörung kommen konnte.

Wir sind dann noch zur Grundschule von Kadonowaki (市立門脇小学校), die ebenfalls vom Tsunami komplett zerstört wurde. Das Wasser reichte wohl bis in den dritten Stock. Zu allem Überfluss brach hernach auch noch ein Feuer aus, so dass das Gebäude komplett ausbrannte. Betretbar oder gar benutzbar ist diese Schule, genau wie alle anderen Gebäudereste dort, natürlich nicht mehr.

De Fahrt von Ishinomaki ins benachbarte 女川 (おながわ, Onagawa), wo unsere Weihnachtsfeier stattfinden sollte, führte uns dann vorbei an weiteren komplett leeren Landstrichen, die einmal lebendige Ortsteile gewesen waren. Da der Großteil des Schutts wie gesagt inzwischen beseitigt worden war, erinnerten nur noch enorme Stapel teilweise komplett zerstörter Autowracks daran, dass hier einmal menschliche Aktivität geherrscht haben musste. Eine kurze Frühstückspause an einem Convenience Store ließ Zeit für eine wärmende Instant Miso-Suppe. Das Wetter war nämlich extrem unangenehm: Temperaturen unter 5 Grad und leichter Regen, der die in der Vorwoche gefallenen Schneereste auflöste.

Onagawa selbst wurde ebenfalls zu etwa 80% vom Tsunami und den nachfolgenden Feuern zerstört. So ist auch heute von der Stadt selbst nicht viel mehr zu sehen als eine große leere Fläche, ein paar wenige umgestürzte Gebäudeteile und das Krankenhaus, das auf einer Anhöhe liegt, und deswegen nahezu unversehrt blieb. Hierher konnten sich auch viele Einwohner retten, die damit Schlimmerem entgehen konnten. Das unten eingebettete Video (das natürlich nicht von mir ist!), gibt einen guten Eindruck von der Wirkung des Tsunami in Onagawa, und zeigt auch das Krankenhaus auf der Anhöhe inmitten des Desasters (bspw. links oben bei 1:38). Von dort hatten auch wir einen Überblick über das Ausmaß der Zerstörung.

Unsere eigentliche Wirkungsstätte, zu der wir dann im Anschluss weiterfuhren, liegt etwas weiter landeinwärts, wurde aber trotzdem von den unerbittlichen Wassermassen großteils zerstört. Und so sollte unsere Weihnachtsfeier dann auch in einer kleinen Container-Anlage stattfinden, die auf dem ehemaligen Parkplatz eines Geschäfts errichtet worden war. Das うみねこハウス (Umineko-Haus) besteht aus drei Containern, einem Dixie-Klo und einem Stromanschluss an der Straße. Eine lokale Initiative aus extrem aktiven Omas, die ママサポーターズ (Mama-Supporters), hat dort eine Art kleines Stadtteilzentrum aufgebaut, wo sich nicht nur die Leute vor Ort treffen können (viele haben ja ihre Häuser etc. verloren und leben jetzt in Behelfsunterkünften), sondern wo auch Aktionen wie unsere kleine Weihnachtsfeier stattfinden können.

Außerdem haben sie eine sehr schöne Aktion ins Leben gerufen, mit der auch ein bisschen Geld in die Region gekommen ist. Sie nehmen alte T-Shirts, zerschneiden sie in Stoffstreifen und fertigen daraus sogenannte ぞうり (zōri), das sind eine Art gestrickter Flipflops. Angefangen hat es mit sieben Omas, inzwischen arbeiten fast 50 Personen an diesem Projekt. Viele japanische »Prominente« haben auch schon vorbeigeschaut, manche davon auch mit Kamerateams im Schlepptau. Dadurch hat diese Aktion nationale Bekanntheit erreicht, und man kann sich inzwischen vor T-Shirt-Spenden kaum noch retten. Allerdings ist wohl im Laufe der Zeit der Absatz der gestrickten Schuhe weniger geworden, so dass es für die Zukunft des Projektes nicht gut aussieht…

Die Weihnachtsfeier sollte um 13 Uhr losgehen, und bevor es an die Vorbereitungen dafür ging, haben wir uns aktiv am ぞうり-Stricken beteiligt. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass meine Versuche nicht wirklich von Erfolg gekrönt waren, mit dem Effekt, dass dann eine der Omas, die mir anfangs eigentlich »nur die Stiche zeigen« wollte, meinen kompletten Schuh gestrickt hat… Sehr lieb von ihr!

Danach gab’s dann eine Stärkung, die ein anderer Teil unserer Gruppe mit ein paar anderen Damen in der Zwischenzeit vorbereitet hatte: 鍋 (なべ), einen japanischen Eintopf mit つみれ (tsumire). Das ist eine lokale Spezialität, so eine Art Hackfleisch aus さば (saba, Makrele). (Laut der japanischen Wikipedia ist bzw. war Ishinomaki im Jahr 2002 der Hafen mit dem zweitgrössten Volumen an Makrele.) Sehr lecker und bei dem Wetter genau das Richtige. Denn eine Heizung haben die Container natürlich nicht – Strom gab es auch nur ganz sporadisch, wenn ihn das Küchenteam gerade brauchte. Immerhin war es drinnen trocken…

Danach ging es dann ans Aufbauen für die Feier. Wir haben drei Zelte aufgebaut und, daran war ich beteiligt, eine Lichterkette entlang der Container gespannt, um ein bisschen Weihnachtsstimmung zu erzeugen. Als es dann später dunkel wurde, sah es tatsächlich recht festlich aus. In einem der Zelte habe wir dann einen Grill angeheizt, über dem wir »Jumbo-Baumkuchen« machen wollten. In den anderen Zelten wurden Tische aufgebaut, an denen später kleine Küchlein gebacken, Schokofondue gemacht und verschiedene Sachen gebastelt werden konnten. In einem der Container wurde außerdem noch das Basteln von Anstecknadeln (»buttons«) und Pastik-Schrumpfbildern vorbereitet. (Ich weiß leider nicht, wie man das wirklich nennt: man malt auf ein Stück Kunststoff, das dann in einem Toasterofen gebacken wird und dabei schrumpft und hart wird…) Natürlich »durften« wir uns dann noch weihnachtlich verkleiden – ich habe mich für eine simple Weihnachtsmannmütze entschieden.

Irgendwann gegen 13 Uhr tauchten dann auch die ersten Familien auf, und speziell die Bastelaktionen fanden natürlich großen Anklang. Insgesamt waren wohl so um die 40 Leute da, mindestens die Hälfte davon Kinder. Also trotz des wirklich ekligen Wetters (es hatte dann irgendwann angefangen, in Strömen zu regnen) ein voller Erfolg. Den Kindern hat auch, das fand ich beeindruckend, das Wetter überhaupt nichts ausgemacht – die sind bei Temperaturen knapp über Null klitschnass stundenlang rumgesprungen und hatte eine Höllengaudi!

Wie man auf den Bildern sehen kann, kamen vor allem die Luftballon»tiere« sehr gut an, auch wenn überwiegend Schwerter gebaut wurden, mit denen dann nach Herzenslust aufeinander eingedroschen wurde. Als ich das so beobachtet hatte, kam ich ein wenig ins Grübeln, wieso das Spiel so aggressiv war. Ich kann es mir nach wie vor nicht anders erklären, als dass diese Kinder natürlich von all dem, was ihnen in der Folge der Naturkatastrophe widerfahren war, mitgenommen waren und sich dieser Stress dann wohl in Aggression entlädt… Später am Abend haben wir uns auch in unserer Gruppe ein bisschen darüber unterhalten, und eine Dame, die wesentlich mehr von solchen Dingen versteht als ich, meinte, dass es den Kindern vor allem extrem zu schaffen macht, dass sie kaum Gelegenheiten zum gemeinsamen Spielen haben. Entweder spielen sie »Zuhause« alleine oder mit ihren Geschwistern. Gelegenheiten zu sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen wie Schule, Fußballverein oder Ballettstunden gibt es aber keine. Umso wichtiger ist es daher, dass es Aktionen wie diese kleine Weihnachtsfeier gibt, die den Kindern eine Abwechslung zu ihrer täglichen Situation bieten kann.

Unser Baumkuchen-Projekt war auch so eine Sache. Nachdem bekannt war, dass ich Deutscher bin, wurde natürlich vermutet, dass ich Wesentliches zum Zubereiten beitragen könnte. Dem war natürlich nicht so. Ich habe zwar schon den ein oder anderen Baumkuchen gegessen, aber noch nie selber einen zubereitet. Geschweige denn über einem Grill! Naja, nach viel trial-and-error und Unmengen an ins Feuer getropftem Teig hatten wir den Dreh dann (im wahrsten Sinne des Wortes) nach etwa einer Stunde raus, und konnten nach ca. zwei Stunden tatsächlich etwa 1cm echten, selbst gemachten Baumkuchens verteilen. Also 1cm dick, dafür ca 60cm lang!

Gegen Ende der Feier, so gegen 16 Uhr, kam dann sogar noch der Weihnachtsmann (genauer gesagt eine Weihnachtsfrau), die an die Kinder kleine Geschenke verteilte, die die Teilnehmer mitgebracht hatten. Diese hatten wir vorher nach eher für Jungs bzw. eher für Mädchen und Altersgruppen eingeteilt. Auch das war natürlich ein Highlight für die Kinder, die sonst derzeit mit dem wenige auskommen müssen, was ihnen nach dem Tsunami geblieben war. So gab es also viele lachende Gesichter, strahlende Augen und die ein oder andere Träne…

Nachdem wir das ganze klitschnasse Zeug dann aufgeräumt und gereinigt hatten, haben wir uns von den Omas verabschiedet und uns langsam auf den Rückweg gemacht. Nachdem es zu diesem Zeitpunkt etwa 18 Uhr war, und es keinen Sinn macht, vor 5 Uhr morgens nach Tokio zurückzukommen (weil da noch keine Züge fahren) haben wir erstmal in einem netten Lokal in einem nicht zerstörten Teil von Ishinomaki gegessen, getrunken und uns unterhalten. Danach ging es dann noch ins 温泉 (おんせん, onsen) zum Entspannen und Aufwärmen. Gegen 23:30 Uhr sind wir dann wieder in den Bus und Richtung Tokio gestartet. Nach wiederum 6 Stunden Fahrt und einigen Pausen waren wir dann auch wieder zurück in Ueno und konnten um ca. 7:30 Uhr Zuhause ins Bett fallen.

Da ich persönlich in Autos und Bussen überhaupt nicht schlafen kann, war ich nach gut 48 Stunden auf den Beinen (Freitag war auch noch ziemlich stressig in der Uni) auch wirklich äußerst müde… Ich bin ja eigentlich kein großer Weihnachtsfan, aber wenn ich anderen eine gute Zeit und eine Freude machen kann, dann hat es sich doch gelohnt…

In diesem Sinne euch allen メリークリスマス (merī kurisumasu) und eine schöne Weihnachtszeit. Mein Wunsch wäre, dass wir nicht nur an uns selbst denken, und vor allem diejenigen nicht vergessen, die es nicht so gut haben wie wir.

Permanentlink zu diesem Beitrag: https://blog.nihonnikonni.com/2012/12/23/baumkuchen-vom-grill-oder-weihnachten-im-container/

1 Kommentar

  1. Anne

    Sehr bewegend, danke!!!!
    Anne

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.